Asylant

der asylant


von

Sami Mensura - Arno Gassmann
Exposé zu einem Roman mit autobiografischen Zügen, Titel:

Erzählt wird die Geschichte von Iyop Temesgen. Nicht der Protagonist selbst schildert seinen abenteuerlichen Lebensweg, sondern ein allwissender Autor, der sich zugleich als Schöpfer Temesgens zu erkennen gibt. Dieser begleitet den jungen Afrikaner, der als Kind aus dem Sudan nach Deutschland kommt, und wertet jeden seiner Schritte auf dem Boden europäischer Kultur. Iyop ist versucht, die europäische Geisteswelt zu verstehen und zu hinterfragen, doch es geschieht etwas Unerwartetes: Schöpfer und Geschöpf nähern sich einem gemeinsamen Wertekanon - der eine von der Warte eines Gottes, der andere von der eines Flüchtlings. Umso selbstbewusster Iyop auftritt, desto klarer wird dem Leser, dass der Schöpfer selbst auch nur ein weiteres Geschöpf ist: unterworfen den Zweifeln und der Suche des Menschengeschlechts nach Bedeutung und ethisch vertretbarer Daseinsgestaltung.

Indem Iyop seine Erfahrungen macht - als Heimkind, als Ausländer, als Farbiger, als Stigmatisierter, aber auch als macht- und bildungshungriger Emporkömmling - verliert die europäische Vorstellung eines erfüllten Daseins für ihn mehr und mehr an Überzeugungskraft. Er macht sich frei von den Beeinflussungen seines Schöpfers und sucht nach seinem ganz persönlichen Weg zwischen den Welten. Er beginnt sich als neuen Typus zu begreifen, als Afrikaner und Europäer, als Bürger, nicht länger zwischen den Welten, sondern als Bürger einer Welt.

Temesgens Ansprüche an sich und damit auch an die anderen Bürger seiner Welt sind hoch. Ohne es zu erwähnen, entwickelt er doch einen Leitgedanken, der sich in wenige Worte fassen lässt: Das Beste von Europa ist in Afrika möglich und das Beste von Afrika ist in Europa möglich. Von dieser Idee und der Möglichkeit ihrer tatsächlichen Umsetzung durchdrungen wird Iyop Temesgen zum Missionar in Sachen Weltbürgertum. Er muss scheitern. Er kennt die Gesetze der Straße und ist doch naiv genug, diese mit Überzeugungskraft außer Kraft setzen zu wollen.

Iyop bezahlt seine mangelnde Einsicht mit dem Tod in der Heimat. Erst als ihm die Sinne schwinden, wird ihm sein Irrtum gewahr. Er alleine war Iyop Temesgen, sonst niemand. Europa hatte ihn aufgenommen und nach ihren Normen geformt, ein Stiefkind. Afrika hatte ihn hervorgebracht und ziehen lassen, ein verlorener Sohn. Iyop Temesgen, der Prophet einer vereinigten Welt ist ganz allein als er stirbt. Der einzige Weltenbürger und der letzte Gerechte.

Der Tod des Protagonisten kündet von einer unabwendbaren Nemesis, ist geringer Vorbote des bevorstehenden Kriegs der Welten.

Sami Mensuras Erstling plädiert dafür, Abstand zu nehmen von dem in unseren Köpfen verankerten Afrikabild des "edlen Wilden", aber auch von der europäischen Mitleidsattitüde gegenüber dem Schwarzen Kontinent. Sein Protagonist geht auf der Suche nach einer Synthese beider Kulturen in den Tod. Somit kann uns Mensura keinen Leitfaden und keine Handlungsanweisung an die Hand geben, sondern lediglich säuberlich maskierten Vorurteilen die Maske vom verzerrten Antlitz reißen.

Ein packender Entwicklungsroman, aufwühlend ehrlich und ehrlich aufwühlend.

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